Ikonen der Nachkriegsmoderne für eine nachhaltige Nutzung neugedacht
Johann Griem hat mit seiner Masterarbeit an der HAWK Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion über den Erhalt und die Umnutzung von Nachkriegsarchitektur geleistet – darüber sind sich nicht nur die Professor*innen im Gutachten seiner Abschlussarbeit einig.
Der Fokus seiner Arbeit liegt auf den (ehemaligen) Horten-Warenhäusern, deren ikonische Gitterwerksfassaden einst das Stadtbild vieler deutscher Innenstädte prägten. „Der Verfasser leistet fundierte Grundlagenforschung, indem er systematisch den Bestand und die erhaltenswerten Qualitäten der Horten-Gebäude erfasst“, bemerkte Udo Gleim, Mitglied der Preisjury, anlässlich der Auszeichnung mit dem 1. Preis beim Competitionline Campus Award 2025.
In seiner umfassenden Studie hinterfragt Griem die Denkmalswürdigkeit dieser Gebäudetypen und untersucht notwendige Strategien zur Implementierung eines effektiven Denkmalschutzes. „Als Gesellschaft müssen wir schon heute bewusst entscheiden, welche Warenhäuser für die Nachwelt erhaltenswert sind, damit am Ende nicht nur zufällige Relikte der Epoche der Warenhäuser übrigbleiben“, sagt er. Der konzeptionelle Ansatz basiert auf der detaillierten Dokumentation der noch bestehenden Horten-Bauten, die über die charakteristische Gitterwerksfassade verfügen und an offene Bienenwabenbauten erinnern. Nur 19 der ehemals etwa 60 Standorte sind heute noch mit dieser Fassade erhalten, was die Dringlichkeit eines Denkmalschutzes untermauert, hat Griem herausgefunden.
Zentrales Element seiner Arbeit ist die Entwicklung eines zukunftsorientierten Nachnutzungskonzepts für das Hildesheimer Warenhaus in der Almsstraße 41, ebenfalls ein ehemaliger Hortenbau und sehr präsent in der Hildesheimer Innenstadt. Griem schlägt vor, die bestehende Bausubstanz durch das geschickte Einfügen von Innenhöfen neu zu gestalten und die Fassade als Filter zwischen städtischem Raum und Innenhof zu nutzen. Durch die Kombination aus neuen Nutzungen wie einer Food-Markthalle, Handwerksbetrieben und Wohnbereichen könne die ehemals allein dem Konsum gewidmete ‚Verkaufskiste‘ in eine ‚Box voller Möglichkeiten‘ transformiert werden. Dank ihrer zentralen Lage können die ehemaligen Warenhäuser eine Schlüsselrolle bei der Transformation der Innenstädte zu multifunktionalen und zukunftsfähigen urbanen Zentren spielen. Dieser kreative Ansatz zur Umnutzung wurde von der Jury als „äußerst reflektiert und zukunftsweisend“ gewürdigt.
Dr. Inga Hahn, eine weitere Jurorin, hebt hervor, dass Griems Arbeit „ein Bewusstsein für den Wert des Bestands schafft, weit bevor Investor*innen auf die Idee kommen, die Bauwerke abzureißen und an den Standorten etwas Neues zu schaffen“. Indem er denkmalpflegerische und architektonische Perspektiven miteinander verknüpfe, biete seine Masterarbeit eine innovative Grundlage für die anhaltende Debatte über den Erhalt von Nachkriegsarchitektur.
Die Entwicklungen und Vorschläge, die in dieser Arbeit formuliert wurden, sind in der aktuellen Diskussion über die Transformation von Innenstädten und der Revitalisierung leerstehender Gebäude von erheblicher Relevanz. „Der systemische Wandel im urbanen Alltag hat begonnen: Anstelle der viel zu lange gelebten Trennung von Arbeit, Wohnen und Freizeit drängen die vielfältigen Funktionen langsam aber sicher wieder vernetzt zurück in die Quartiere. Dabei entstehen sozial wie architektonisch umgestaltete Begegnungs- und Erlebnisorte für die Menschen.“
Mit einem eigens entwickelten Farbcode zur Klassifizierung des Erhaltungszustandes und umfassenden Katalogen zu den Horten-Gebäuden trägt Griem zu einer anwendbaren, für Entscheidende aus Städtebau und Denkmalschutz auch gut erkennbaren Systematik bei.
Die Resonanz auf seine Arbeit sei überaus positiv, so Prof. Dr.-Ing. Birgit Franz, Erstprüferin der Arbeit: „Das Feedback aus den Landesdenkmalämtern und Unteren Denkmalbehörden sowie des DNK, des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, zeigt, dass Johann Griem den Diskurs über das möglicherweise bald in Gänze verschwundene Erbe aus den Jahren des Wirtschaftswunders wieder ankurbelt, indem er sich auf einer systematischen Grundlage zukunftsgewandt und lösungsorientiert dem schleichenden Verlust entgegenstellt.“